Die Neidlinger Kirche

befand sich nicht immer an dieser Stelle im Ort. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts stand eine kleine Kirche oberhalb der Lindach, in der Nähe des Pfarrhauses. Sie war St. Alban geweiht und wurde bereits 1590, als in Neidlingen nach der Reformation der erste evangelische Gottesdienst stattfand, als „klein und alt“ eingeschätzt und war äußerst baufällig. Aber erst etwa 150 Jahre später, nämlich im Jahr 1746, wurde mit der Planung einer neuen Kirche begonnen, die sich nun mehr in der Dorfmitte befinden sollte. Maßgeblich verantwortlich dafür war der damalige Vogt Gerok, der eigens nach Stuttgart reiste, um dort eine Eingabe bei Herzog Carl Eugen wegen des Kirchenbaus zu machen. Er hatte Erfolg: Das Baugesuch wurde bewilligt, doch vieles am Bauvorhaben musste geändert werden. Dem württembergischen Herzog kam einiges, was für die Innenausstattung der Kirche vorgesehen war, für eine Dorfkirche zu kostbar vor, so dass er es kurzerhand aus dem Entwurf strich.

Im Mai 1746 konnte dann endlich der Grundstein gelegt werden und die Kirche wurde im damaligen fürstlichen Baustil, dem „Barock“ erbaut. Verglichen mit anderen Barockkirchen ist die Innenausstattung recht schlicht, auch weil sehr wenig Geld für den Bau zur Verfügung stand. Um trotz knapper Mittel das Projekt realisieren zu können, wurden Neidlinger Bergerinnen und Bürger zur Mithilfe beim Kirchenbau eingeteilt. Außerdem wurde möglichst viel vom noch brauchbaren Abbruchmaterial der alten Kirche beim Bau der neuen mitverwendet. So auch die 3 Glocken, die in den allerdings erst provisorisch fertiggestellten dreistöckigen Turm gehängt wurden. Sie läuteten am 28. Oktober 1746, als nach nur knapp halbjähriger Bauzeit die Kirche eingeweiht wurde. Ein Jahr später wurde dieser Turm mit rechteckigem Grundriss dann fertig gestellt und bekam sein Pyramidendach mit Laterne und einer von einem sechszackigen Stern gezierten Kuppel. 1801 wurde das Fundament des Kirchturms erneuert und die Seitenwände wurden durch Strebepfeiler verstärkt, weil der Turm sich zu neigen begann.

Das Innere der Kirche wird vom Gegensatz zwischen Schiff und Chorraum bestimmt. Auffällig ist der sogenannte „Kanzelaltar“, die Verbindung von Altar und darüber stehender Kanzel. Er ist ein typisches Zeichen einer evangelischen Kirche, der die Einheit von Wort und Sakrament, auch äußerlich sichtbar machen möchte. Diese Einheit wurde noch unterstrichen durch den ursprünglichen vor dem Altar befindlichen Taufstein. Altar, Kanzel und Taufstein waren in einer Linie angebracht (so in allen Waldenserkirchen zu sehen). Bei der Renovierung im Jahre 1965 wurde der Taufstein allerdings an den heutigen Platz rechts vom Altar (von der Gemeinde aus gesehen) versetzt.

Kanzel und Altaraufbau sind mit Marmorbemalung verziert, der Altarbogen mit Kruzifix ist ausgeschmückt mit Symbolen der irdischen Fruchtbarkeit. Über der Kanzel befindet sich der sogenannte Schalldeckel, auf dem ein Engel mit einer Posaune steht. Es könnte sich dabei um einen der Engel aus dem Buch Offenbarung handeln. Der Schalldeckel ist innen mit einer Taube verziert, dem Symbol für den Heiligen Geist.

Wie auch in vielen anderen Kirchen hat der Neidlinger Taufstein einen achteckigen Grundriss. Die Bibel sieht in der Zahl acht immer einen Neuanfang mit dem Ziel des Unzerstörbaren, des Ewigen. Denken wir an die acht Menschen in der Arche, die nach der Sinflut die neue Menschheit begründen.

Links und rechts am Übergang vom Schiff zum Chor hängen zwei Gemälde von Theodor Lauxmann, entstanden um 1910. „Verklärung Jesu“ und Glaube, Liebe, Hoffnung“. Letzteres zeigt die theologischen Tugenden aus 1. Korinther 13. Sie sind dargestellt als Frauengestalten: Die Liebe als Mutter mit Kindern, der Glaube mit einer aufgeschlagenen Bibel und die Hoffnung ist erkennbar am Anker.

Seit der im Herbst 1999 abgeschlossenen Renovierung sind die drei Fenster im Chor dank einer anonymen Spenderfamilie neu gestaltet und fügen sich in ihrer Farb- und Formgebung harmonisch in das Ganze der Kirche ein. Der Ochsenwanger Künstler Professor Gerhard Dreher hat in seiner Gestaltung der Fenster ein Thema des Exodus aus 2. Mose 13, 21-22 aufgegriffen. Es geht um die Begleitung Gottes für das Volk Israel während seines Durchzugs durch die Wüste. Am Tag ist Gott anwesend in einer Wolke (Fenster hinter der Kanzel) und in der Nacht in einer Feuersäule (linkes und rechtes Fenster) Unter Verwendung von Glas nur eines Farbtons in verschiedenen Schattierungen und Variationen einer Grundform hat der Künstler die Thematik umgesetzt.

Beim Blick vom Altar nach hinten zum Ausgang durch den Turm fällt ein schön gestaltetes, schmiedeeisernes Gitter auf. Ursprünglich war dieses in der Peterskirche als Altargitter angebracht. Als dort 1780 ein neues, größeres angeschafft wurde, entschloss sich der „Weilheimer Armenkasten“ (eine Art Gemeindefonds für Bildung, Kultur und Soziales), nachträglich seiner Pflicht zur finanziellen Unterstützung des Kirchenbaus nachzukommen und den bisher geleisteten bescheidenen Beitrag von 200 Gulden durch diese Sachspende zu erhöhen. Zu diesem Gitter gehören noch zwei Seitenteile, die links und rechts der Empore zu sehen sind.

Empore: Eine erste Orgel wurde im Jahre 1750 oder 1751 vom Orgelmacher Johann Ludwig Goll aus Weilheim gefertigt, es dürfte sich damals um ein einmanualiges Instrument gehandelt haben. Das üppige barocke Orgelgehäuse ist geschmückt mit dem Harfe spielenden König David und einem Posaunenengel. Im Jahre 1937 wurde ein pneumatisches Werk auf zwei Manualen und Pedalen mit zwölf Registern von der Orgelbaufirma Weigle eingebaut.

Wenn Sie die Kirche verlassen, können Sie an der Außenseite des Chores (Richtung Gartenstraße) zwei Gedenktafeln entdecken, eine für Vogt Gerok, die andere für seine Frau. Auf der für Gerok von seinen neun Kindern gestifteten Tafel ist unter anderem zu lesen: „Hier ruhet die Asche eines würdigen Greisen, eines Geistes, eines Christen, eines Freunds Gottes und der Mensch, des weiland Titulus Herrn Georg Friedrich Geroks, seit anno 1736 gewesenen herzoglich württembergischen Vogts und Kellers zu Neidlingen… Dem würdigen Greisen und treuesten Vater widmen dieses Grabmal dessen hinterlassene 9 Kinder“

Die andere Gedenktafel stiftete Gerok selbst für seine Frau, die am

3. März 1779 im Alter von 67 Jahren verstorben war“ – getreuste Gattin, der zärtlichsten Mutter, und der wahren Verehrerin der Religion…“

Zwischen diesen beiden Gedenktafeln befindet sich ein Epitaph des letzten Neidlinger Ortsherrn Leo von Freyberg und seiner Ehefrau Anna von Bayern.

Aus „Kleiner Führer für die Neidlinger Kirche“

 

Blick vom Kirchturm in den Altarraum
Blick aus Richtung Mühle

Copyright: Christa Leder